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Peter David – Sagittarius Is Bleeding
Peter Glotz (Pedda) 04.02.2008 1:49 (2685)
Thread zum Roman im Forum von Caprica City
352 Seiten (Taschenbuch, broschiert)
Panini Books (Mai 2007)
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Laura Roslin, soeben den Klauen eines sicheren Todes entronnen, wird von schrecklichen Alpträumen und der Ungewissheit geplagt, welche Nebenwirkungen ihre wundersame Heilung durch das Blut eines ungeborenen Zylonenbabys auf sie haben könnte. Ihre Visionen scheinen ein Teil davon zu sein und sie wollen ihr etwas mitteilen. Nur was?
Auf der Suche nach Antworten, tritt derweil Ratsmitglied Tom Zarek mit einem ungewöhnlichen Anliegen an sie heran: Die Midguardians, eine religiöse Abspaltung der Sagittarier, fordern nach einer Stimme im Rat. Eine neue Situation für Laura Roslin, die neben ihren eigenen Problemen für Unruhe im politischen Gleichgewicht sorgen könnte. Steckt eventuell mehr hinter dem Anliegen, als Anführer Wolf Gunnerson Preis gibt?
Und dann sind da auch noch die Zylonen. Nachdem die Zylonen der Flotte stets einen Schritt vorauszusein scheinen, suchen Admiral Adama und Colonel Tigh nach einem möglichen Verräter in den eigenen Reihen. Wenngleich die Spuren dürftig scheinen, stoßen sie zufällig auf ein erstaunliches Geheimnis. Der Stein gerät ins Rollen...
Im Grunde genommen muss ich Autor Peter David vorab schon einmal Lob zollen – für den Mut, seine Story in einem der schwächsten Teile des zweiten Staffel anzusiedeln. Die Fans von "Schwarzmarkt" (2.14 "Black Market") sind an einer Hand abzuzählen und auch Laura Roslins Wunderheilung aus "Sabotage" (2.13 "Epiphanies") gilt weitläufig mehr als Vehikel denn als glanzvoller Story-Twist. Dennoch legt David mit "Sagittarius Is Bleeding" den Finger in die Wunde und versucht mit seinem Werk einen Stützbalken in das morsche Gebälk der zweiten Aftermidseason zu schlagen, was ihm zunächst überraschend gut gelingt.
Wer Craig Shaw Gardners "Das Geheimnis der Zylonen" ("The Cylon's Secret") gelesen hat und dort das fehlende BSG-Feeling oder die merkwürdig gestrickten Charaktere bemängelte, wird positiv überrascht sein, wenn sich schon beim Lesen des ersten Kapitels die Stimmen von Mary McDonnell und Paul Campbell im inneren Ohr einnisten. Spätestens wenn Starbuck zum ersten Mal aufdreht und einem rangniederen Offizier verbal die Fahrkarte verpasst, wird man lachend den Blick über die Seiten erheben und sagen "Ja genau, das ist unsere Kara!", frech wie Rotz und immer auf Draht!
Ähnlich gut gelungen sind auch die Umsetzungen der anderen Charaktere. Tom Zarek, als höflicher Ex-Terrorist, der sich händeringend müht, Laura Roslins Bild von ihm ins Wanken zu bringen. Tigh, der grantelnde Militario (Michael Hogan ist hier sehr präsent), Gaeta, der stille Arbeiter oder Helo als Starbucks Wackeldackel (...immer der Chefin hinterher). Lee, gerade in seiner schlaffen Phase nach "Black Market", wirkt sehr unsicher, wie so häufig. Selbst Pegasus-Commander Garner kommt während der drei Zeilen, in denen er was zu melden hat, wie der inkompetente Kommandopfosten rüber, der er in der Serie für eine Episode sein darf.
Besonders gelungen ist Peter David jedoch die Umsetzung der Beziehung zwischen Baltar und Headsix, welche, originalgetreu, immer in den unmöglichsten Momenten auftaucht, um Baltar mit inhaltsschwangeren Andeutungen und fiesem Double-Talk völlig aus dem Konzept zu bringen. Das Katz- und Mausspiel der beiden kommt sehr schön heraus und erschüttert den armen Gaius immer wieder aufs neue, und zwar wenn er's am wenigsten gebrauchen kann! Herrlich!
Etwas übertrieben hat es David für meinen Geschmack jedoch mit der "Außenbetrachtung" des Old Man Adama. Während der Charakter in seinen Handlungen und Aussagen den Nagel weitestgehend auf den Kopf trifft, entsteht durch die Denke der anderen Figuren, wie Roslin und Zarek, ein arg bärbeißiges Bild des Admirals, das in Anbetracht der Ereignisse um Cain (Pegasus-Dreiteiler) nicht ganz zur väterlichen Kommandoauslegung Adamas passt.
Letztlich wird dieser kleine Schmutzfleck durch einen umfangreichen Blick in Sharon Valeriis Zellenleben wieder ausgebügelt. In der Holding-Cell spielt sich nicht nur ein großer Teil der Story ab, hier erinnert Peter David auch an eine der Kernkompetenzen der Serie und stellt dem Leser die Frage: Haben menschliche Zylonen Rechte? Sind sie nur Maschinen, oder vielleicht doch lebende Wesen, die sich gemeinsam mit den Menschen um einen Platz im Reich der Tiere kämpfen?
Eine Antwort darauf erhält der Leser nicht. Dafür aber einen Einblick in das Gefühlsleben der jungen Zylonen-Mutter, die ihr Dasein, wie ein Tier, in einer Zelle fristet. Ein Einblick, der eine Seite an ihr beleuchtet, die man in dieser Deutlichkeit in der Serie nicht geboten bekam. Davon abgesehen stellt der Story-Arc um Sharons Zellenleben nur einen Teil des "big picture" dar, welches Peter David im Laufe der 327 Seiten entfaltet.
Neben Roslins Visionen, die einen überraschend geringen Teil der Geschichte einnehmen und, ähnlich ihrer Schlangen-Vision aus Season One, geschickt in die Geschehnisse eingebettet wurden, werfen Tighs Jagd auf einen Verräter, der Storyarc um das Ansinnen der Midguardians, eine rätselhafte Zylonenanwältin und die Frage um die wahre Natur des kleinen Boxey weitere Fragen auf.
Besonders im ersten Drittel drückt der Autor derart auf die Tube, dass es einem schwindlig wird. Schlag auf Schlag spinnt er immer neue Fäden, die er im Laufe des mittleren Drittels parallel zueinander laufen lässt. Erst im letzten Teil beginnt einander anzunähern, was, mit Verlaub gesagt, im Mittelpart doch für die ein oder andere Länge sorgt, bis sich die Dinge ineinander fügen. Ein Problem, dass "Sagittarius Is Bleeding" mit den Serien-Folgen seiner unmittelbaren Umgebung (sowie mit einigen Episoden der dritten Staffel) teilt, ist das Phänomen plötzlich auftauchender Figuren, von denen man bis dato noch nie etwas gehört hat und wohl auch nie wieder hören wird.
Wo Craig Shaw Gardner dieses Problem durch das Prequel-Setting von "The Cylons' Secret" gekonnt umschiffte und bewusst oder unbewusst einen Denkanstoß für die kommende vierte Staffel lieferte (aber leider einen Haufen anderer Fehler beging), tappt Peter David geradewegs in die Serienfalle und zaubert mit seinen Midguardians eine religöse Splittergruppe auf Basis der nordischen Götter und Heldendichtung "Edda" aus dem Hut, deren Einfluss auf den Gesamtverlauf der Story ähnlich nichtig ausfällt, wie das plötzliche Erscheinen der Terroristen in "Sacrifice", deren einziger Zweck darin bestand, Paul Campbell alias Billy aus der Serie zu kanten.
Der Versuch die "Edda" als mythologisches Gegenstück zur Prophezeiung der Pythia einzuführen ist zwar eine nette Idee, krankt jedoch daran, dass hier real existente nordische Mythologie in einen Science-Fiction-Kontext gesetzt wird und Texte zitiert werden, die in dieser Form wohl kaum in der Edda stehen dürften. Hätte Peter David bei der Namensgebung etwas mehr Phantasie walten lassen und dem Kind einen anderen Namen verliehen, würde dieser Teil seines Romans besser funktionieren.
So entsteht eine urige Wechselwirkung, in der die Midguardians zu Wikingern der Lüfte aufsteigen, während umgekehrt der Eindruck entsteht, man fände in der "Edda" die Geschichte des Kampfsterns Galactica. Wenn dem so sein sollte, dann leihe man mir die Schwarte und verrate mir den Schluss.
Bei aller schwachen Adaption der Mythologie muss man David zugute halten, dass er seine Midguardians auf solche Arten eingeführt und wieder entfernt hat, ohne Fragen offent zu lassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie in der Serie irgendwann mal zu Gesicht bekommen, tendiert wohl gegen Null, und die Chance, dass sich irgendwer über diesen Roman hinaus mit der Gruppe beschäftigen wird, halte ich grob geschätzt für überschaubar.
Gut gelungen ist Peter David hingegen die Verknüpfung der Handlung mit dem jeweiligen Status quo der Charaktere. Sowohl Roslins Nachwehen der Nahtoderfahrung als auch Adamas steigendes Misstrauen gegenüber Baltar schlagen eine hübsche Brücke zwischen Roslins Visionen in "Epiphanies" und dem Staffelfinale "Das neue Caprica" (3.19/20 "Lay down your burden"), da Baltar erstmals offen von Roslin auf seine Vergangenheit mit Six angesprochen wird. Zwar erfährt man nichts grundlegend Neues, doch das Fundament, auf dem dieser Teil der Geschichte fußt, bekommt hier zweifellos eine weitere Tragschicht.
Streitbar erscheint mir wiederum der Story Arc um den kleinen Boxey. In der Miniserie von Boomer gerettet, reaktiviert David hier einen Charakter, der von Ron Moore u.a. aussortiert wurde, um das Bild der düsteren Serie nicht zu verrücken. Nun, da Boxey auf die imaginäre Mattscheibe zurückkehrt, dichtet ihm der Autor eine hübsche Räuberpistole auf den Leib, die zunächst recht vielversprechend beginnt, aber nach 70 Seiten, als sich die Gelegenheit dazu bot, besser beendet worden wäre.
So entwickelt sich die Geschichte in eine dämliche Super-Kid-Nummer, deren böses Ende zunächst schockiert (was bei BSG eigentlich immer ein gutes Zeichen ist), auf der allerletzten Seite jedoch komplett ad absurdum geführt wird, als hätte der Autor Angst vor der eigenen Courage bekommen. Wer "Battlestar" kennt, weiß, dass Tabus dazu da sind gebrochen zu werden, und die Autoren nur wenige No-Go's im Bezug auf den Handlungsverlauf kennen. Die letzte Seite gehört definitiv dazu!
Und wo ich gerade so nett in den Schlussminuten herumstochere, da sollen auch die Lösungen nicht ungescholten davonkommen. Wie ich eingangs der Kritik schon feststellte, baut Peter David ein breit gefächertes Storygerüst auf, welches er im späteren Verlauf einander annähert. Die Hartnäckigkeit, mit der er den Leser auf die Folter spannt, wirkt mitunter zermürbend. Stets in dem Gefühl, dass etwas faul ist, aber nicht zu wissen was, macht einen fuchsig und treibt die Motivation voran, doch noch in das nächste Kapitel hinein zu blättern.
Besonders der A-Plot um die Midguardians ist intelligent genug aufgebaut, um erst kurz vor Schluss die wahren Absichten der Gunnersons preiszugeben. Bis zu diesem Zeitpunkt erscheinen einem die Midguardians genauso rätselhaft wie unseren lieben Flottenfunktionären. Schlechter trifft es da die Nebenplots. Den ordentlich abgeschlossenen Sharon-Arc mal ausgenommen, geht "Sagittarius Is Bleeding" am Ende, wie befürchtet, das Papier aus.
Tighs Suche nach dem Verräter klärt sich wie von Geisterhand und auch Roslins Halluzinationen wird ein rasches, künstlich hervor gezaubertes Ende gesetzt. Verglichen mit den sachlichen Fehlern Craig Shaw Gardners bleiben dies jedoch Peanuts, zumal sich auch die offiziellen Drehbuchautoren schon solche Freiheiten gegönnt haben.
Wer, wie ich, "Sagittarius Is Bleeding" im englischen Original gelesen hat, wird sich, verglichen mit Craig Shaw Gardners Schreibe ("The Cylon's Secret"), einem spürbar strafferen und sprachlich anspruchsvolleren Stil gegenüber sehen. Inhaltliche Wiederholungen mit immergleichem Wortlaut findet man bei Peter David bestenfalls mit der Lupe. Auch gelang es ihm, einige Catchphrases der Charaktere zu integrieren (Siehe Baltars "As a matter of fact..."), was dem Serienfeeling des Romans spürbar Auftrieb verleiht. Darüber hinaus wird der durchschnittliche deutsche Leser hier etwas häufiger zum Wörterbuch greifen müssen als zuvor, wenngleich "Sagittarius Is Bleeding" nach wie vor angenehm flüssig zu lesen ist und durch seinen variableren Wortschatz den Leser bei Laune hält.
Die Aufgabe, einen Roman im Kontext der Serie schlüssig einzubinden, konnte Peter David erfolgreich lösen. Die Handlung steht autark für sich und greift somit nicht direkt in den Ablauf der Dinge ein. Trotzdem bieten sich hier für Fans lesenswerte Einblicke in die Denkweise der Charaktere, die mehr Farbe in die zweite Backseason bringen. Dabei gelingt es Peter David von Beginn an, das Gefühl der Serie zu etablieren und die Charaktere originalgetreu zu zeichnen.
Dummerweise siedelt er seine Geschichte in einem der unbeliebtesten Teile der Serie an und begibt sich dabei auf das gleiche Glatteis wie Episoden á la "Black Market" oder "Sacrifice". Aus dem Nichts auftauchende Charaktere erscheinen und gehen, wie es der Storybogen verlangt, neue Hintergründe werden dem BSG-Universum aufgezwungen (Edda) und der Gesamt-Arc wird kaum vorangetrieben.
Der Unterschied zwischen den TV-Fillern und Davids Roman liegt jedoch in der erreichten Tiefe. "Sagittarius Is Bleeding" nimmt sich die Zeit, die Story aufzubauen und mit dem entsprechenden Fleisch zu nähren. Hier gelingt der Spagat, der den Stand-alone-Folgen mangels Screentime versagt blieb. Dank kurzer und präziser Verweise auf Geschehenes wird hier selbst der Gelegenheits-Sternenreisende Spaß haben, während eingefleischte Fans die Story aufsaugen, um in die Gedankenwelt einiger Hauptcharaktere zu tauchen.
Leider haben solche Fans mitunter die Angewohnheit, sich überkritisch mit der Materie auseinanderzusetzen, und gerade bei BSG laufen Filler oder besser gesagt "Tie-ins" schnell Gefahr, im Gesamtverlauf der Story als wertlos und gekünstelt zu erscheinen. "Sagittarius Is Bleeding" stemmt sich zwar mit Händen und Füßen dagegen, wird als Story mit seiner mäßig verpackten Edda-Mythologie und dem hastig abgeschlossene Finale aber mit Gegenwind zu rechnen haben.
Alles in Allem bleibt "Sagittarius is Bleeding" dennoch ein sehr ordentlicher Roman, der zwar einen geringeren Horizont abdeckt als "The Cylons' Secret" (aufgrund aktueller Geschehnisse in "Razor" nochmal kräftig aufgewertet), seinem Vorgänger sonst aber in Punkto Atmosphäre, Charakterentwicklung und Lesespaß haushoch überlegen ist. Hier hat man wirklich das Gefühl ein verschollenes Drehbuch zu lesen, mit all den kleinen Tricks und Kniffen, die Ron Moore und seine Mannen für die Crew der Galactica ausgeheckt haben. Ohne Schnick, ohne Schnack und vor allem ohne sachliche Fehler!
Somit bleibt mir nur der Aufruf: Greift selbst zum Buch und findet heraus, weshalb Zylonen Schweine sind, Wikinger aber auch!
7,5 / 10 Punkten
Verfasst von Ritti
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